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Hymnos auf Demeter

Anstimmen will ich mein Lied auf die hohe, von Locken
umwallte
Göttin Demeter und ihre schlankfüßige Tochter. Einst
hatte
Hades, vom Donnerer Zeus, dem scharfen Späher,
ermächtigt,
diese der Mutter, der Fruchtbarkeitsgöttin, der Herrin des goldnen
Schwertes, geraubt.

Auf üppiger Wiese spielte das
Mädchen
mit den Okeanostöchtern, den tiefgegürteten, pflückte
Rosen und Krokusse, Lilien, Rittersporn, liebliche
Veilchen
und die Narzisse, die Gaia, auf Ratschlag des Zeus, zu
Gefallen
dem Polydektes, das Kind mit dem blühenden Antlitz zu
locken,
aufwachsen ließ in erstaunlicher Pracht, ein erhabenes Schauspiel
jedem Betrachter, unsterblichen Göttern wie sterblichen Menschen;
hundert Blüten bildeten sich in der Tiefe der Wurzel
und entsandten köstlichen Duft; der riesige Himmel,
Erde und Salzschlund strahlten bei ihrem Anblick vor
Freude.

Staunen ergriff auch das Mädchen, es streckte die Hände
nach diesem
herrlichen Spielzeug aus. Da spaltete weit sich die Erde
auf der nysischen Flur, durch die Öffnung, mit göttlichen Rossen,
brauste der Fürst Polydegmon, der namenreiche Kronide,
und entführte die jäh Erschreckte auf goldenem Wagen,
wenn sie auch jammernd sich sträubte; gellend schrie sie
um Hilfe
nach dem Vater, dem höchsten und mächtigsten Sohne des Kronos.

Aber kein Gott vernahm und keiner der Menschen ihr
Flehen,
auch nicht die Ölbäume in der Pracht der leuchtenden
Früchte;
nur die kinderliebende Tochter des Perses in ihrer
Höhle, die Göttin Hekate mit dem schimmernden Schleier,
und Fürst Helios, Hyperions stattlicher Sprößling,
hörten das Mädchen nach seinem Vater rufen. Doch dieser
saß im gebetedurchhallten Tempel zur Stunde, den Göttern
ferne, und nahm von den Menschen reichliche Opfer
entgegen.

Ungestört raubte der Onkel, trotz ihres Sträubens, die
Nichte
auf den Befehl des Zeus, mit unsterblichen Rossen, des
Kronos
Sohn mit den zahlreichen Namen, der vielen gebot, Polydegmon.
Und solange die Göttin noch Land und glänzenden
Himmel,
wogendes, fischreiches Meer und die Strahlen der Sonne erblickte
und die Erwartung hegte, die treulich sorgende Mutter
wie auch die anderen ewigen Götter wiederzusehen,
tröstete lockend die Hoffnung hinweg sie über den
Kummer.

Berggipfel hallten und Schlünde des Meeres wider von
ihrer
göttlichen Stimme; ihr Rufen vernahm die mächtige
Mutter.
Jählings griff ihr der Kummer ans Herz, mit eigenen
Händen
riß sie das Kopftuch entzwei, das die göttlichen Locken ihr schützte,
und umhüllte mit einem tiefschwarzen Schleier die
Schultern,
raffte sich auf dann, geschwind wie ein Vogel, die Tochter
zu suchen,
über Länder und Meere; niemand wollte den wahren
Hergang ihr mitteilen, keiner der Götter und keiner der Menschen;
auch von den Vögeln erteilte nicht einer ihr richtige Auskunft.

Ganze neun Tage durchstreifte die machtvolle Deo den Erdkreis,
flammende Fackeln in ihren Händen; vom Kummer
gepeinigt,
rührte sie weder Ambrosia an noch köstlichen Nektar,
tauchte auch ihren Körper nicht mehr ins Wasser zum
Bade.

Als ihr am zehnten Tage die leuchtende Eos emporstieg,
kam ihr Hekate, in den Händen die Fackel, entgegen,
richtete gleich das Wort an sie und stellte die Frage:

»Hohe Demeter, Göttin der Reife und herrlicher Gaben,
wer von den himmlischen Göttern oder wer von den
Menschen
raubte Persephone dir und schlug dich mit bohrendem Kummer?
Schreien hörte ich sie, doch erkannte nicht den Entführer.
Damit enthülle ich kurz dir den Hergang, soweit ich ihn
kenne.«

So sprach Hekate. Keinerlei Antwort erteilte die Tochter
Rheias, der lockengeschmückten, sondern an Hekates
Seite
stürmte sogleich sie fort, in den Händen die flammenden Fackeln.

Helios suchten sie auf, der achtgibt auf Götter und
Menschen,
traten vor sein Gespann. Ihn fragte die edle Demeter:

»Helios, bitte, nimm Rücksicht auf mich als Göttin, sofern
ich
jemals mit Worten oder mit Taten dich herzlich erfreute!
Durch den flimmernden Äther vernahm ich das klägliche Schreien
meiner Tochter, die lieblich und schön mir ersproßte - als
thäte
jemand ihr rohe Gewalt an. Ich konnte freilich nichts
sehen.
Du jedoch überschaust vom leuchtenden Äther mit deinen
Strahlen sämtliche Länder und Meere. Der Wahrheit entsprechend
sage mir, bitte: Hast du gesehen, wer meine geliebte
Tochter gewaltsam mir, trotz ihres Sträubens, entführte,
wer es getan von den Göttern oder den sterblichen Menschen?«

Derart fragte sie. Antwort gab ihr der Sohn Hyperions:
»Tochter der lockigen Rheia, Demeter, du sollst es
erfahren,
Herrin! Ich zolle dir hohe Achtung und Mitleid in deinem
Schmerz um deine schlankfüßige Tochter. Im Kreise der
Götter
trägt nur der wolkenballende Zeus die Schuld an dem
Unglück.
Er überließ dein Kind als blühende Gattin dem Hades,
seinem Bruder; dieser entführte mit seinem Gespann sie,
ihrem verzweifelten Jammern zum Trotz, zu den düsteren Schatten.
Aber klage nicht länger, Göttin! Du darfst dich nicht
grundlos
solchem furchtbaren Zorne hingeben. Unter den Göttern
hast du an deinem leiblichen Bruder, der weithin gebietet,
Hades, keinen unwürdigen Schwiegersohn; immer noch
waltet
er des Amtes, das einst bei der dreifachen Teilung ihm
zufiel,
wohnt bei den Schatten, deren Gebieter zu sein ihm
bestimmt ist.«

Damit trieb er die Pferde zum Laufen. Unter dem Zuruf
zogen sie schnell das leichte Gefährt, geflügelt wie Vögel.
Schlimmerer Zorn und größere Kühnheit erfaßten
Demeter.

Groll erfüllte sie gegen den dunkelumwölkten Kroniden.
Deshalb verließ sie den hohen Olymp und die
Göttergemeinde,
stahl sich hinweg zu den Städten und fruchtbaren Äckern
der Menschen,
weilte, unkenntlich, dort längere Zeit; und keiner der
Männer,
keine der tiefgegürteten Frauen erkannte die Göttin,
bis sie zum Hause des klugen Keleos kam, der zu dieser
Zeit Eleusis, die opferduftende Stätte, beherrschte.
Dicht am Wege ließ sie sich nieder, bekümmerten
Herzens,
neben dem Mädchenbrunnen - dort holten die Frauen sich Wasser -,
tief in Schatten gehüllt, überragt vom Laubwerk des
Ölbaums,
eine Greisin von Aussehen, nicht zum Gebären mehr
fähig,
nicht mehr beschenkt von Kypris, der Herrin lieblicher
Kränze,
ganz wie die Ammen, die Kinder betreuen
rechtsprechender Fürsten,
und die Haushälterinnen, die wirken in hallenden
Räumen.

Töchter des Keleos, Sohns des Eleusis, erspähten die Alte,
als sie zum schöpfbaren Wasser kamen, in ehernen
Kannen
heimwärts zu tragen das Naß, in die trauliche Wohnung des Vaters,
vier an der Zahl, in der Blüte der Jugend, wie Göttinnen stattlich,
Kallidike und Kleisidike, die liebliche Demo
und Kallithoë, die älteste. Und sie erkannten Demeter
nicht; durchschauen doch Sterbliche kaum das Gebaren von Göttern.

Aber sie traten zu ihr mit den flugs enteilenden Worten:

»Würdige Greisin, wer bist du und woher stammst du?
Warum nur
hast du verlassen die Stadt und hältst dich abseits der
Häuser?
Dort verweilen, in schattigen Zimmern, Frauen in deinem
Alter und jüngere; freundschaftlich werden sie dich wohl empfangen,
herzlich willkommen dich heißen und tatkräftig Hilfe dir spenden.«

Derart sprachen sie. Antwort erteilte die mächtige Göttin:

»Liebe Mädchen, wer immer ihr seid vom
Frauengeschlechte,
Glück euch! Ich werde euch Auskunft geben und möchte
auf eure
Fragen, das ist nur natürlich, der Wahrheit entsprechend entgegnen.
Dois lautet mein Name; ihn gab mir die würdige Mutter.
Hierher bin ich von Kreta gefahren, über den weiten
Rücken des Meeres, wider Willen. Seeräuber schleppten,
meinem Sträuben zum Trotze, gewaltsam mich fort. Auf Thorikos
hielten sie Kurs mit dem schnellen Schiffe. Da kamen in
Menge
Frauen des Festlands an Bord und rüsteten selbst sich das Essen
hoch auf dem Hinterdeck, neben den haltenden Tauen. Ich aber
spürte durchaus kein Verlangen nach einer erquickenden Mahlzeit,
machte mich heimlich davon und entrann auf dem
nächtlichen Lande
meinen frevelnden Herren; sie sollten mich nicht zum
Verkaufe
bieten, sich nicht des für mich gezahlten Preises erfreuen.
Ziellos schweifte ich weithin umher und gelangte zu
dieser
Stätte, doch kenne ich weder das Land noch seine
Bewohner.
Mögen euch alle Bewohner des hohen Olympos mit edlen
Gatten beglücken, mögen auch Kindersegen euch
schenken
nach dem Wunsche der Eltern! Doch meiner, ihr Mädchen, erbarmt euch,
voller Güte, ihr Lieben, bis ich einen Gebieter
oder eine Herrin bekomme, für die ich mit Freuden
Arbeiten ausführen will, wie sie älteren Frauen geziemen:

Könnte ein Neugeborenes wiegen im Arm und vortrefflich
pflegen, könnte den Hausstand getreu behüten und meiner
Herrschaft das Lager im sicher gebauten Schlafzimmer
richten,
könnte auch andere Frauen in nützlichem Tun
unterweisen.«

Derart sprach sie, und Antwort erteilte sofort ihr die
Jungfrau
Kallidike, die schönste im Kreis der Keleostöchter:

»Mutter, wir Sterblichen müssen, was Götter schicken, ertragen,
wenn auch betrübt; die Götter sind uns ja weit überlegen.
Dieses will ich, ganz offen, dir raten und möchte die
Männer
nennen, die hierzulande Würden und Einfluß besitzen,
aus der Menge herausragen und durch vernünftiges Planen
wie durch Wahrung des Rechts die Zinnen der
Heimatstadt hüten:

den verständigen Fürsten Triptolemos, weiter Diokles,
dann Polyxeinos, den tadellosen Eumolpos und schließlich
Dolichos und den tapferen Keleos, unseren Vater.
Deren Gemahlinnen walten jeweils im Hause; nicht eine
würde von ihnen, sobald sie dich erst vor die Augen bekommen,
dich für unwürdig halten und von der Schwelle verweisen,
nein, sie werden dich aufnehmen - bist ja so stattlich wie Götter!
Warte doch, bitte: Wir wollen gehen zum Hause des
Vaters
und Metaneira, der tiefgegürteten, unserer Mutter,
ausführlich über dein Schicksal berichten. Sie wird dich wahrscheinlich
auffordern, uns zu besuchen und nirgendwo anders zu
fragen.

Denn ein Nachkömmling wächst heran in unserem festen
Haus, von den Eltern innig erfleht und mit Freuden
empfangen.
Wenn du ihn aufziehst und er zum kraftvollen Jüngling heranwächst,
dürfte dich manche Frau, die den Blick auf dich richtet, beneiden;
derart reichlich würde dich unsere Mutter entlohnen.«

Zustimmend nickte die Alte. Die Mädchen füllten die
blanken
Kannen mit Wasser und trugen in stolzer Haltung sie heimwärts.
Schnell erreichten das Vaterhaus sie und erzählten der
Mutter
gleich, was durch Auge und Ohr sie erfahren. Da hieß sie die Mutter
eilig die Greisin rufen, Lohn wolle sie reichlich ihr zahlen.
Ausgelassen, wie junge Hirsche und Kälber im Frühling
über die Wiese springen, vom frischen Futter gesättigt,
rafften die Mädchen empor die hübschen Gewänder und
tollten
fröhlich den Weg zurück durch die Schlucht; es flatterten
ihnen
rings um die Schultern die Locken, leuchtend wie Blüten des Safrans.

Dicht am Wege stießen sie auf die ruhmreiche Göttin,
noch an dem alten Platz, und geleiteten sie bis zum Hause
ihres Vaters. Die Greisin folgte ihnen, betrübten
Herzens, das Haupt verhüllt. Der düstere Schleier
umwallte
lebhaft die hurtig schreitenden Füße der Gottheit. Sie
kamen
schnell zum Palast des zeusentstammten Gebieters und schritten
durch die Halle. Dort stießen sie auf die würdige Mutter.
Neben dem Türpfeiler saß sie im festerrichteten Saale,
hielt an der Brust das Kindlein. Ihr traten die Töchter zur
Seite.

Aber die Göttin hielt auf der Schwelle und reichte mit
ihrem
Haupt an den Balken, sie füllte die Öffnung mit göttlichem Glanze.
Ehrfurcht und Scheu ergriffen die andern, ja bleiches Entsetzen.

Aufstand vom Sessel die Mutter und lud die Göttin zum
Sitzen.
Aber Demeter, die Göttin der Reife und herrlicher Gaben,
wollte nicht Platz nehmen auf dem schimmernden Sessel,
nein, schweigend
blieb sie stehen, die schönen Augen zu Boden gerichtet,
bis Iambe, die wackere, einen vortrefflich gebauten
Lehnstuhl ihr hinschob, ein silbriges Schaffell über ihn
legte.

Darauf setzte sie sich und zog vor das Antlitz den
Schleier.
Lange verharrte sie auf dem Sessel in traurigem
Schweigen,
zeigte sich unzugänglich für Zuspruch und freundliche
Hilfe,
saß und lachte nicht und verschmähte Essen und Trinken,
von der Sehnsucht gequält nach der tiefgegürteten
Tochter,
bis Iambe, die wackere, ihrer mit heiteren Scherzen
schelmisch spottete und die würdige Herrin zum Lächeln,
ja, zum Ausbruch offener Heiterkeit brachte. Auch später
fand die Göttin am fröhlichen Wesen Iambes Gefallen.

Einen Becher voll Wein, wie Honig so süß, überreichte
ihr Metaneira. Die Göttin dankte: Sie dürfe vom roten
Weine nicht trinken. Doch bat sie die Frauen, ihr Wasser und Gerste
mit geriebener Minze zum Trunke zu mischen. Die Mutter
rührte den Trank und reichte, dem Wunsch gemäß, ihn der Göttin.
Deo, die mächtige, nahm und trank ihn, die Pflicht zu
vollziehen.

Und Metaneira, die reizvoll gegürtete, sprach in dem
Kreise:
»Herzlich willkommen, Frau - du stammst ja bestimmt
nicht von schlechten,
nein, von tüchtigen Eltern! Dein Blick heischt Achtung
und Ehrfurcht,
wie es die Könige tun, die Recht und Gerechtigkeit
pflegen.
Aber wir Menschen müssen, was Götter schicken,
ertragen,
wenn auch betrübt; dies Joch belastet unseren Nacken.
Nun du hierher gekommen, teile mein Schicksal in allem!
Zieh mir den Knaben hier auf! Die Unsterblichen
schenkten ihn spät erst,
wider Verhoffen. Ich wünschte ihn mir mit innigem
Flehen.
Wenn du ihn aufziehst und er zum kraftvollen Jüngling heranwächst,
dürfte dich manche Frau, die den Blick auf dich richtet, beneiden;
derart reichlich würde ich deine Pflege belohnen.«

Ihr gab Antwort Demeter, die Göttin mit herrlichem
Stirnband:
»Dir auch wünsche ich Glück, die Götter mögen dich
segnen!
Gerne möchte, nach deinem Wunsch, ich dein Kind übernehmen.
Aufziehen will ich den Knaben, und durch Versäumnis
der Amme
soll kein widriger Zauber und soll kein Giftkraut ihm
schaden;
kenne ich doch ein Mittel, viel stärker als schädliche
Kräuter,
kenne auch wirksame Hilfe gegen den leidigen Zauber.«

Derart sprach sie und hob mit ihren unsterblichen Händen
an den duftenden Busen das Kind, zur Freude der Mutter.
Und von Stund an erzog sie den prachtvollen Sprößling des klugen
Keleos, Demophon, den Metaneira, die flinke, geboren
in dem Palaste des Vaters. Der Knabe gedieh gleich den Göttern,
brauchte kein Brot zu essen, nicht Milch der Mutter zu
saugen;
nein, ihn salbte Demeter, die Göttin mit herrlichem
Stirnband,
tags mit Ambrosia, wie es geschieht mit Kindern der
Götter,
hauchte ihn an mit köstlichem Atem und trug ihn am
Busen;
aber zur Nachtzeit steckte sie ihn, wie ein Scheit, in die Flammen,
ohne daß seine Eltern es merkten. Sie staunten nur heftig
über sein zeitiges Aufblühn, seine göttliche Schönheit.
Ewige Jugend, Unsterblichkeit auch, gedachte die Göttin
ihm zu verleihen. Doch Metaneira, aus törichter Neugier,
wartete einmal die Nacht ab und spähte aus duftender Kammer.
Gellend schrie sie auf und schlug sich die Schenkel in
jäher
Furcht um den Jungen, gebärdete sich, als sei sie von
Sinnen,
richtete gleich an das Kind die flugs enteilenden Worte:


»Demophon, Junge, dich steckt die Fremde ins lodernde
Feuer,
läßt mich bitterlich jammern, versetzt mich in
schmerzliche Trauer!«

Ihren klagenden Ruf vernahm die edle Demeter.
Zorn auf die Mutter empfand die Göttin im prachtvollen Stirnband,
nahm mit ihren unsterblichen Händen, in bitterstem
Grolle,
aus dem Feuer das Kindlein, das jene, wider Verhoffen,
spät noch geboren im Hause, legte es von sich, zu Boden,
sagte dabei Metaneira, der trefflich gegürteten Herrin:

»Unwissend seid ihr Menschen und gar nicht befähigt, das Schicksal,
sei es zum Guten, sei es zum Bösen, vorauszuerkennen.
Du auch begingst jetzt in deiner Torheit den
schrecklichsten Fehler!
Bei den bitteren Fluten der Styx, dem Eidbann der Götter:

deinen Jungen wollte unsterblich ich machen, ich wollte
ewige Jugend ihm schenken und Ehren, die niemals
verwelken!
Nunmehr kann er dem Todesverhängnis nicht mehr
entgehen.

Nie verwelkende Ehre freilich ist ihm beschieden,
weil er im Schoß mir gesessen, in meinen Armen
geschlummert.

Zu den hierfür bestimmten Zeiten im Kreislauf der Jahre
werden die Kinder der Eleusinier immer und ewig
Kampf und wildes Getümmel gegeneinander erregen.
Ich bin Herrin Demeter, die hochgeehrte, die Göttern
wie auch Menschen Nutzen und Freude am reichlichsten
spendet.

Auf denn, mir sollen am Fuße der Burg und der mächtigen Mauer,
oberhalb des Schönreigenborns und des ragenden Hügels,
sämtliche Bürger einen Altar mit Tempel errichten!
Heilige Feiern will ich stiften, damit ihr in Zukunft
fromm sie begeht und euch damit meiner Gnade
versichert.«

Derart sprach sie und streifte vom Leib sich die Spuren des Alters,
wurde groß und stattlich; ihr Wesen atmete Schönheit.
Köstlicher Wohlgeruch stieg aus ihren duftenden
Kleidern,
weithin strahlte der Glanz vom unsterblichen Leibe der
Göttin,
über die Schultern wallten die blonden Locken hernieder,
Licht durchströmte das große Gebäude, so hell wie ein Blitzstrahl.

Aus dem Gemache schritt sie, es wankten die Knie der
Mutter;
lange Zeit noch verharrte sie, ohne zu sprechen, und
dachte
gar nicht daran, ihr liebes Kind vom Boden zu heben.
Aber die Schwestern hörten das klägliche Schreien des
Jungen,
eilten sogleich an das wohlgerichtete Lager; die eine
hob den Knaben empor und barg ihn am Busen, die andre
schürte das Feuer; die dritte, auf zarten Füßen, versuchte,
schnellstens die Mutter aus dem duftenden Zimmer zu
führen.

Darauf badeten sie zu dritt den strampelnden Jungen,
herzten und küßten ihn; freilich, er kam nicht zur Ruhe. Betreuten
ihn doch von Stund an schlechtere Pflegerinnen und
Ammen.

Während der Nachtstunden flehten die Frauen, von Furcht noch geschüttelt,
um die Gnade der ruhmreichen Göttin. Am Morgen
erzählten
sie dem weithin gebietenden Keleos alles genauso,
wie es Demeter, die Göttin mit prächtigem Stirnband,
befohlen.

Er berief das mannigfach wimmelnde Volk zur
Versammlung
und gebot ihm, für die gelockte Demeter auf hohem
Hügel einen Altar und herrlichen Tempel zu bauen.
Auf das Wort gehorchte das Volk ihm und ging an die
Arbeit,
treu dem Befehl. Und das Werk gedieh nach dem Willen der Gottheit.
Als sie den Bau vollendet, die Arbeit eingestellt hatten,
gingen sie alle nach Hause.

Jedoch die blonde Demeter
blieb dort sitzen, fern von den anderen seligen Göttern,
von der Sehnsucht gequält nach der reizvoll gegürteten Tochter.

Und sie brachte über die nahrungspendende Erde
ein für die Menschen furchtbares, grausiges Jahr; denn das Erdreich
ließ den Samen nicht sprießen: Demeter hielt ihn
verborgen.

Sinnlos zogen die Rinder die Krummpflüge über die
Äcker,
sinnlos ward in den Boden gestreut die leuchtende Gerste.
Nunmehr hätte Demeter die Menschheit durch wütenden Hunger
elend zugrunde gerichtet, den Herren des hohen Olympos
aber die hohe Ehre der Spenden und Opfer entzogen,
hätte nicht Zeus die Lage durchschaut und auf Hilfe
gesonnen.

Iris, die goldengeflügelte, hieß er als erste Demeter
rufen, die lockige und mit lieblicher Schönheit begabte.
Dem Befehle des düsterumwölkten Kroniden gehorchte
Iris und überwand in eilendem Flug die Entfernung.
In dem Tempel fand sie die schwarz umhüllte Demeter,
richtete gleich an die Göttin die flugs enteilenden Worte:
»Vater Zeus, der fest entschlossene, ruft dich, Demeter:
Kommen sollst du sofort zur Versammlung der ewigen
Götter!
Auf, dem Worte des Zeus darf niemand Erfüllung
verweigern.«

Derart drängte sie. Aber Demeter versagte Gehorsam.
Darauf sandte der Vater die ewigen, seligen Götter
alle zu ihr. Sie kamen in ununterbrochener Reihe,
baten sie dringend und reichten ihr zahlreiche herrliche
Gaben.

Ehren sollte beliebig sie wählen im Kreise der Götter.
Aber nicht einer vermochte ihren Trotz zu erweichen;
weiterhin grollte sie und verschmähte jeglichen Vorschlag.
Niemals, sagte sie, wolle sie den von Düften umwallten
hohen Olympos betreten, nie Feldfrüchte aufsprießen
lassen,
ehe sie ihre liebliche Tochter wiedergesehen.

Als der donnernde, weithin blickende Zeus es vernommen,
schickte er Hermes, den Träger des Goldstabs, zum Erebos nieder;
zureden sollte er Hades mit schmeichelnden Worten, die reine
Jungfrau Persephone wieder vom Schattenreich unter die Götter,
aufwärts zum Licht, zu schicken, auf daß die Mutter bei
ihrem
Anblick aufgebe ihren bitteren Groll. Es gehorchte
Hermes, verließ den hohen Olympos, die Wohnstatt der
Götter,
und begab sich eilig hinab in die Tiefen der Erde.
Drinnen in seinem Palaste traf er den Unterweltsherrscher,
wo auf dem Lager er saß, zur Seite des schamhaften Mädchens,
das sich sträubte aus Sehnsucht nach seiner liebenden
Mutter.

Diese verfolgte von fern, noch grollend, das Handeln der Götter.

Nahe trat der gewaltige Argostöter und sagte:

»Dunkelgelockter Hades, Herrscher der Seelen, der Vater
Zeus befiehlt dir, die edle Persephone unter die andern
Götter zu senden, hinauf aus dem Erebos; soll doch die
Mutter
sehen ihr Kind und der Wut und dem schrecklichen Groll
auf die Götter
endlich entsagen. Sie wälzt ganz furchtbare Pläne:
Vernichten
will sie den Stamm der auf Erden lebenden Menschen,
indem sie
unter der Erde den Samen der Feldfrüchte birgt, die den Göttern
schuldigen Rechte umstößt! Immer noch grollt sie
entsetzlich,
meidet die übrigen Götter und sitzt in der Ferne in ihrem
duftenden Tempel, Herrin der steinigen Stadt des Eleusis.«

Derart sprach er. Lächelnd hob der Herrscher der Schatten,
Hades, die Brauen und folgte sogleich dem Befehl des Kroniden,
gab der klugen Persephone, ohne zu säumen, die Weisung;
»Geh, Persephone, hin zur schwarzgekleideten Mutter,
zeige dich, bitte, von freundlicher, sanfter Gemütsart und
lasse
dich nicht allzu stark vor den andern von Trauer
bestimmen!
Wahrlich, im Kreis der Unsterblichen will ich, als Bruder des Vaters
Zeus, kein schlechter Gatte dir sein. Als meine Gemahlin
wirst du allem gebieten, was lebt und dahinzieht auf
Erden,
unter den Göttern wirst du die höchsten Ehren genießen;
büßen in alle Ewigkeit werden die ruchlosen Frevler,
die sich weigern, durch Opfer deine Gunst zu gewinnen
und in frommem Tun gebührende Gaben zu spenden!«

Derart sprach er. Die kluge Persephone freute sich
herzlich,
heiter sprang sie empor. Doch Hades spähte verstohlen
um sich und gab ihr einen Granatapfelkern, so erquickend
süß wie Honig, zu naschen: Sie sollte nicht ewig bei ihrer
schwarzgekleideten, ehrsamen Mutter Demeter verbleiben.

Darauf schirrte der weithin gebietende Herrscher der
Schatten
an den goldenen Wagen seine unsterblichen Rosse.
Auf das Fahrzeug stieg die Jungfrau. Der mächtige
Hermes
packte mit seinen Händen Zügel und Peitsche und lenkte
aus dem Palast das Gespann. Gern sprengten vorwärts die Rosse.

Rasch bewältigten sie die lange Strecke. Nicht Meere,
nicht das Wasser der Ströme, nicht kräuterdurchwucherte Schluchten
oder die Berggipfel hemmten den Schwung der göttlichen Rosse.

Nein, sie durchflogen hoch darüber die luftigen Weiten.
Vor dem duftenden Tempel hielten sie an, wo Demeter
saß, die Göttin mit herrlichem Stirnband. Beim Anblick
der Tochter
fuhr sie empor, wie Mainaden springen im schattigen
Dickicht.

Als Persephone ihrerseits die strahlenden Augen
ihrer Mutter erblickte, sprang sie vom Fahrzeug herunter,
ihr entgegen, und schlang um den Nacken ihr innig die
Arme.

Aber Demeter, noch das teure Kind in den Armen,
dachte bereits an die Tücke des Hades, ein Zittern ergriff
sie,
jählings löste sie die Umarmung und fragte die Tochter:
»Hast du etwa, mein Kind, in der Unterwelt etwas
gegessen?
Sag es mir, bitte, verbirg nichts, ich muß es zweifelsfrei
wissen!
Aßest du nichts, so könntest du nach dem Verlassen des
Hades
wieder leben bei mir und dem Vater, dem
düsterumwölkten
Sohne des Kronos, mit Ehren bedacht von sämtlichen
Göttern.

Aßest du etwas, mußt du zurück in die Unterwelt gehen
und ein Drittel des Jahres in ihren Gefilden verbringen,
darfst zwei Drittel weilen bei mir und den anderen
Göttern.

Jedesmal, wenn die Erde im Frühling von duftenden
Blumen
üppig ersprießt, dann steigst du hervor aus dem Reiche der Schatten,
voller Ehrfurcht bewundert von Göttern und sterblichen Menschen.
Aber berichte mir jetzt, wie der mächtige Fürst
Polydegmon
dich entführte, mit welchem Kunstgriff er listig dich
täuschte!«

Antwort gab ihr Persephone gleich, die liebliche Tochter:
»Aufrichtig will ich dir, teure Mutter, alles berichten.
Als mich der segenspendende Hermes, der eilende Bote,
anwies im Auftrag des Vaters Zeus und der übrigen
Götter,
aufzusteigen vom Reich der Toten, damit du bei meinem
Anblick der Wut und dem bitteren Groll auf die Götter entsagtest,
sprang ich fröhlich empor. Doch Hades gab mir verstohlen
einen Granatapfelkern, so süß wie Honig, zu naschen;
er überrumpelte mich - ich wünschte gar nichts zu essen.
Wie er mich aber, dank dem tückischen Rat des Kroniden,
meines Vaters, entführte, hinab in die Tiefen der Erde,
will ich genau dir, deiner Frage entsprechend, erzählen.
Allesamt spielten wir heiter auf der lieblichen Wiese,
Phaino und Leukippe, Elektra wie auch Ianthe
und Melite, Iache, Rhodeia, dazu Kallirhoë,
und Melobosis und Tyche und, mit rosigem Antlitz,
Okyrhoë, Chrysëis auch, Ianeira, Akaste
und Admete, Rhodope und Pluto, Kalypso, die schöne,
Styx, Urania und Galaxaure, die reizende, Pallas,
Herrin der Schlachten, und Artemis, treffend mit Pfeilen -
wir alle
trieben fröhliche Spiele und pflückten liebliche Blumen,
nebeneinander freundliche Krokusse, Iris, auch rote
Rosen, Rittersporn, Lilien, ein erstaunlicher Anblick,
und die Narzisse, die weithin der Boden, dem Krokus
gleich, nährte.
Freudigen Eifers pflückte ich sie. Da klaffte die Erde
jäh auseinander, herausfuhr der mächtige Fürst
Polydegmon,
riß mich auf seinem goldenen Wagen mit in die Tiefe,
wenn ich auch heftig mich sträubte, auch gellend den
Hilferuf ausstieß.
Damit berichte ich, tief betrübt, dir den wirklichen
Hergang.«

So bereiteten sie, in herzlicher Eintracht, den ganzen
Tag einander aus inniger Liebe vielerlei Freuden
und erholten sich allmählich vom lastenden Kummer.
Jeder der beiden gab und empfing Beweise des Frohsinns.
Hekate nahte den beiden, die Göttin im schimmernden
Kopftuch,
und umarmte herzlich die Tochter der hohen Demeter.
Seitdem wirkte die Herrin für sie als treue Genossin.

Zeus, der donnernde, weithin blickende, sandte als Botin
seine Mutter, die lockige Rheia, in Schwarz; zu den
Göttern
sollte sie ihre Tochter führen; er stellte Demeter
Ehren nach eigener Wahl im Kreise der Götter in
Aussicht,
gab ihr die Zusage auch, daß Persephone während des
Jahres
nur ein Drittel der Zeit im Reiche der Schatten, zwei
Drittel
bei der Mutter und bei den andern Unsterblichen bleibe.
Derart sprach er, und Rheia gehorchte willig dem Auftrag.
Eilig schwang sie sich vom Haupt des Olympos hernieder
und gelangte zum rharischen Feld, das einst üppigste
Nahrung
spendete, heute jedoch sich als ödes Brachland erstreckte,
ohne Spuren von Grün. Es verbarg die leuchtende Gerste,
wie die schlankfüßige Göttin Demeter es wollte; in Bälde
sollte es freilich, beim Einzug des Frühlings, sprießen von schlanken
Halmen, sollten später am Boden die üppigen Schwaden,
voll von Ähren, durch Strohseile handlich zu Garben
gefaßt sein.

Dorthin setzte Rheia den Fuß aus dem flimmernden Äther.
Sie und Demeter sahen sich gern, sie freuten sich herzlich.

An die Tochter wandte sich Rheia, im glänzenden Kopftuch:

»Zeus, der donnernde, weithin blickende, ruft dich, mein
liebes
Kind, in den Kreis der Unsterblichen. Komm! Bereitwillig
stellt er
Ehren nach eigener Wahl dir im Kreis der Götter in
Aussicht,
gibt dir die Zusage auch, daß Persephone während des
Jahres
nur ein Drittel der Zeit im Reiche der Schatten, zwei
Drittel
aber bei dir und bei den andern Unsterblichen bleibe.
Dieses Versprechen bekräftigte er durch Nicken des
Hauptes.
Auf denn, mein liebes Kind, und folge mir, zürne nicht
allzu
lange dem düsterumwölkten Sohne des Kronos und lasse
gleich für die Menschen die nahrungspendenden
Feldfrüchte sprießen!«

Dieser Bitte gehorchte die Göttin im prächtigen Stirnband,
ließ die Früchte sprießen sofort aus den Schollen der
Äcker.
Weithin bedeckte die Erde sich üppig mit Blättern und
Blüten,
überall. Den Königen aber, den Waltern des Rechtes,
dem Triptolemos, auch dem Diokles, dem Tummler der
Rosse,
dem Eumolpos, dem starken, dem Keleos, Führer der
Männer,
wies Demeter die Opfer, zeigte die heiligen Feiern
allen, Triptolemos, dem Polyxeinos wie dem Diokles,
wie man sie eifrig begehen, verschweigen, geheimhalten
müsse.
Denn mit Nachdruck hemmt die Scheu vor der Göttin die
Zunge.
Selig der Erdenbewohner, der die Weihen erlebt hat!
Aber der Ungeweihte, der Ausgeschlossene, erntet
niemals, verstarb er, den gleichen Vorteil im Reiche der Schatten.

Als die herrliche Göttin die Grundsätze dargelegt hatte,
eilten sie auf den Olymp, zur Versammlung der übrigen
Götter.
Neben Zeus, dem Werfer der Blitze, leben Demeter
und Persephone nun, erhaben und ehrfurchtgebietend.
Glücklich der Mensch, den sie gütig mit ihrer
Freundschaft beehren!

Plötzlich schicken sie ihm in die angesehene Wohnung
Plutos als Schutzherrn des Herdes; er schenkt den
Sterblichen Reichtum.

Auf denn, Gebieterinnen des opferduftreichen Eleusis
wie des meerumflossenen Paros und felsigen Antron,
Deo, mächtige Herrin der Reife und köstlicher Gaben,
du auch, Persephone, du mit Schönheit gesegnete
Jungfrau,
schenkt uns gnädig, zum Lohn für das Lied, ein wonniges Leben!
Deiner will ich gedenken - und eines anderen Themas.

Homerisch Hymn auf Demeter !
Octavios



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